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UB-Verkehrsminister-Peter-Ramsauer BMVBS/Frank Ossenbrink

Bundesverkehrsminister Ramsauer im Interview

Werden E-Bikes das Auto ersetzen?

Die urbane Mobilität ist im Wandel. Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer spricht im Interview über die Bedeutung von E-Bikes, die Rolle der Autos und seiner Vision der Stadt von morgen.

Für Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer ist das Pedelec ein wichtiger Bestandteil des modernen Verkehrs-Mixes. Im Interview spricht sich der Minister jedoch gegen eine staatliche Förderung für den Kauf eines E-Bikes aus.

Denn: „In Sachen Entwicklung sind E-Bikes den E-Autos bereits voraus“, so der Minister. Während E-Bikes inzwischen die Marktreife erlangt haben, muss die Forschung im Bereich der E-Autos noch vorangetrieben werden.

Als Ansporn, das Fahrrad fahren zu intensivieren, möchte Ramsauer öffentliche Fahrradverleihsysteme ausbauen. Überhaupt sei die Radbranche in den Augen der Bundesregierung ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Mit einem jährlichen Gesamtumsatz von 13-Milliarden Euro und 200.000 Arbeitsplätzen dürfe die Radbranche nicht unterschätzt werden, so Ramsauer.

Betreffend der Helmpflicht setzt Ramsauer auf die „Vernunft der Radfahrer, freiwillig einen Helm zu tragen“. Bei S-Pedelecs, welche bis 45 Km/h unterstützen, prüfe das Ministerium allerdings die Anpassung bestehender Regelungen (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen wurde diese Anpassung durchgeführt. Nach ElektroBIKE-Informationen besteht eine Helmpflicht, für alle S-Pedelecs). Wenn Sie noch auf der Suche nach einem passenden Helm sind, finden Sie bei ElektroBIKE eine Auswahl ausgefallener Modelle.

Zur Person:
Name: Dr. Peter Ramsauer (58)
Position: Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (CSU)
Karriere: Dr. Peter Ramsauer ist in Traunwalchen (Landkreis Traunstein) geboren. Nach Studium (BWL) und handwerklicher Ausbildung promovierte er 1985 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 1990 ist Ramsauer Mitglied des Deutschen Bundestages, seit 2009 Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.
Familie: Peter Ramsauer ist mit Susanne Ramsauer verheiratet und Vater von vier Töchtern.

Das Interview sowie weitere spannende Themen rund um E-Bikes und Pedelecs finden Sie in der ElektroBIKE 1/2012. Das Heft können Sie einfach und bequem online bestellen.

ElektroBIKE: Herr Ramsauer, welche Erklärung haben Sie dafür, dass E-Bikes so schnell so populär geworden sind? Der Zweirad-Industrie-Verband rechnet 2011 mit 300.000 verkauften Modellen …
Ramsauer: Der Trend geht erfreulicherweise allgemein zum Radfahren – und das E-Fahrrad spielt hierbei eine wichtige Rolle. Mit den E-Bikes und Pedelecs erschließen sich neue Nutzergruppen. Mit elektrischer Unterstützung können ohne größere Anstrengung längere Wegstrecken bewältigt werden, zum Beispiel von der Wohnung zum Arbeitsplatz – das macht den Umstieg vom Auto auf das Fahrrad attraktiv.

Welche Bedeutung hat der Radverkehr, insbesondere der elektrische Radverkehr, in den Überlegungen Ihres Ministeriums?
Der Radverkehr stellt für uns einen wichtigen Teil der Mobilität dar – sowohl in den Städten als auch auf dem Land. Klimaschutz und demografischer Wandel sind zwei weitere Stichworte, die die zunehmende Bedeutung des Radfahrens unterstreichen. Fahrrad fahren dient der Gesundheit und entlastet die Umwelt. Wir wollen das Fahrradfahren noch attraktiver machen, zum Beispiel durch öffentliche Fahrradverleihsysteme. Die neuen Möglichkeiten des elektrischen Radverkehrs wollen wir umfassend nutzen. Nicht zuletzt hat das Radfahren eine wirtschaftliche Bedeutung, die nicht unterschätzt werden darf. Inklusive Fahrradtourismus kommt der Radverkehr auf einen Gesamtumsatz von über 13 Milliarden Euro jährlich. Über 200.000 Arbeitsplätze sind damit verbunden.

Die urbane Mobilität muss sich weiter verändern, damit in den Innenstädten nicht ein Verkehrsinfarkt droht. Trotzdem trägt der motorisierte Individualverkehr – Autos – nach wie vor die Hauptlast des Verkehrs. Wie kann man Menschen zum Umsteigen bewegen? Sei es nun auf das E-Bike, den öffentlichen Personennahverkehr oder das normale Fahrrad?

Jedes Verkehrsmittel hat seine spezifischen Stärken. Es kommt darauf an, diese hervorzuheben. Das gilt auch für die urbane Mobilität – der Verkehr in unseren Städten muss klima- und umweltverträglicher werden. Um dies zu erreichen, benötigen wir ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Das Umsteigen auf Fahrrad, Pedelec und ÖPNV ist dabei ein Weg. Für mich gehören eine größere Verbreitung der Elektromobilität insgesamt und intelligente organisatorische Maßnahmen für einen besseren Verkehrsfluss aber genauso dazu. In jedem Fall sind die Städte gefordert, die richtigen Lösungen für die konkrete Situation vor Ort zu entwickeln. Denn in dieser Frage gibt es keine Patentrezepte.

Im Regierungsprogramm Elektromobilität vom Mai 2011 wird das Ziel ausgegeben, dass im Jahr 2020 mindestens 1 Million Elektro-Fahrzeuge auf den Straßen fahren. Wie soll diese Zielvorgabe erreicht werden: Nur mit Elektro-Autos oder zählen auch E-Bikes dazu?
Das Programm Elektromobilität der Bundesregierung erstreckt sich auf die gesamte Bandbreite unterschiedlicher Verkehrsträger, das heißt nicht nur auf Pkw, sondern auch auf Nutzfahrzeuge, Zweiräder und Leichtfahrzeuge. Insgesamt wurden in den acht Modellregionen bis Ende 2011 2.475 Fahrzeuge eingesetzt. Dabei handelt es sich um 58 Busse, 881 Pkw, 243 Nutzfahrzeuge, 693 E-Roller und 600 Pedelecs.

Noch eine Frage zum Regierungsprogramm Elektromobilität: Der Schwerpunkt des Programms liegt auf dem E-Auto. Warum tauchen E-Bikes und Pedelecs in dem Programm nur in wenigen Absätzen auf?

Pedelecs haben bereits die Marktreife erreicht. Deshalb fördern wir hier nicht Forschung und Entwicklung, sondern die Einbindung in intermodale Verkehrskonzepte. Zum Beispiel unterstützt das Verkehrsministerium in Stuttgart ein Projekt, in dem ein innovatives Verleihsystem für Elektro-Fahrräder aufgebaut und das Nutzerverhalten untersucht wird. Hier wird explizit untersucht, in welchem Ausmaß der Gebrauch von Pedelecs Pkw-Fahrten ersetzt.

Der ADFC-Vorsitzende Ulrich Syberg hat sich für eine Förderprämie für Elektroräder ausgesprochen. Seine Frage war: „Warum gibt man nicht jedem, der sich ein Elektro-Fahrrad kauft, 250 Euro?“ Wie lautet Ihre Antwort?
Zunächst einmal muss klar gesagt werden, dass die Bundesregierung für einen sparsamen Umgang mit Steuergeldern steht. Bei der Elektromobilität setzen wir bewusst auf Unterstützung von Forschung und Entwicklung. Es ist in erster Linie Aufgabe der Industrie, marktfähige Produkte zu entwickeln, und ich bin sicher, dass dies bei den Elektro-Autos ebenso gelingt wie es bei den Elektro-Fahrrädern bereits der Fall ist.

In den Niederlanden hatten Pedelecs zu Beginn des Jahres 2011 bereits einen Marktanteil von fast 26 Prozent. Warum haben unsere Nachbarn in diesem Bereich – und im Radbereich allgemein – die Nase vorn?
Das Fahrrad – und jetzt auch das Pedelec – spielt in den Niederlanden wegen der langen Tradition und der dortigen Siedlungsstrukturen sicher eine größere Rolle. Auch für Deutschland halte ich eine sehr dynamische Entwicklung in diesem Bereich für möglich. So zeigt der aktuelle „Fahrrad-Monitor Deutschland 2011“ (Umfrage des ADFC, Anm. d. Red.), dass sich fast die Hälfte der 2.000 Befragten für Pedelecs interessiert.

In den Empfehlungen zum Nationalen Radverkehrsplan (NRVP) 2020 schlägt Ihre Expertenkommission den Ausbau der Rad-Infrastruktur vor, so dass diese pedelectauglich wird. Welche Maßnahmen könnten schnell umgesetzt werden?
Grundsätzlich ist die bestehende Infrastruktur im Bereich Radwege für das Fahren mit Pedelecs geeignet. Das Bundesverkehrsministerium ist allerdings nur für die Radwege an Bundesstraßen zuständig – und hier haben wir in den letzten Jahren bereits ein Netz von inzwischen rund 18 500 Kilometern an Radwegen aufgebaut. Innerhalb der Städte und Gemeinden gibt es allerdings an vielen Stellen – vor allem wegen der beengten örtlichen Situation – noch Probleme. Dennoch ist festzustellen, dass viele Kommunen dem Radverkehr zunehmend Flächen einräumen.

Immer wieder wird über eine Helm-pflicht für Radfahrer diskutiert. Ihr Vorstoß im vergangenen Jahr wurde von vielen Parteien mit einer Portion Skepsis aufgenommen – aus verschiedenen Gründen. Was entgegnen Sie ihnen?
Es ist unstreitig, dass das Tragen eines Fahrradhelms dazu beitragen kann, Unfallfolgen zu vermeiden, zumindest aber zu minimieren. Um die Tragequote von Fahrradhelmen zu erhöhen, führen wir die Aktion „Ich trag’ Helm“ durch. Wichtig ist, dass Eltern darauf achten, dass ihre Kinder einen Helm tragen. Am besten ist, wenn Eltern mit gutem Beispiel vorangehen. Ich setze zunächst aber weiter auf die Vernunft der Radfahrer, freiwillig einen Helm zu tragen.

Gibt es Überlegungen, eine Helmpflicht für S-Pedelecs (bis 45 km/h Motorunterstützung, Anm. d. Red.) einzuführen?
Allein wegen der deutlich höheren Geschwindigkeiten der schnellen Pedelecs, die denen von Mofas nahekommen, ist die Situation gerade im Hinblick auf eine Helmpflicht eine andere als bei den „normalen“ Fahrrädern und den Pedelecs, bei denen ab 25 km/h die Motorunterstützung aufhört. Wir prüfen zurzeit, inwiefern die geltenden Vorschriften für diese schnellen Pedelecs angepasst werden müssen, damit eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr möglich ist. Hierzu gehört auch die Frage der Helmtragepflicht.

Herr Ramsauer, verraten Sie uns doch bitte zum Abschluss, wie Sie sich urbane Mobilität in der Zukunft vorstellen. Skizzieren Sie uns doch bitte Ihr persönliches, ideales Verkehrskonzept der Stadt von morgen.

Die Stadt von morgen wird im Wesentlichen die Stadt von heute sein, weil sich die Siedlungsstrukturen nur sehr langsam verändern. Die Frage ist aber, wie wir uns in der gebauten Umwelt künftig bewegen werden. Und hier wird es aus meiner Sicht eine ganze Reihe von Veränderungen geben. Ein großer Teil der Mobilität wird nach wie vor durch das Auto sichergestellt werden. Aber wir werden uns mehr und mehr mit Elektro-Autos fortbewegen. Und diese Elektro-Autos müssen auch nicht immer den Benutzern gehören, Verleihsysteme werden wichtiger werden. Im Mittelpunkt aber wird ein intelligenter Mix aus verschiedenen Verkehrsmitteln stehen – Auto, ÖPNV sowie Rad- und Fußverkehr. Kleinere Entfernungen werden mit Fahrrad oder Elektrorad zurückgelegt. Der Einzugsbereich von ÖPNV-Haltestellen lässt sich erheblich vergrößern – unter der Voraussetzung, dass es dort überdachte und sichere Abstellanlagen gibt. Den Schnittstellen zwischen den einzelnen Verkehrsträgern müssen wir deshalb deutlich mehr Aufmerksamkeit widmen. Entscheidend wird in einem integrierten System ein ständiger Informationsfluss sein. Das Navigationssystem wird künftig nicht mehr nur fest ins Auto eingebaut sein, sondern wir werden es zum Beispiel in Form unserer Mobiltelefone ständig mit uns herumtragen. So gesehen hat die Zukunft bereits begonnen.

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