Teil des
UB Interview Hannes Rose Benjamin Hahn

Mobilitäts-Forscher im Interview über E-Bikes, die Zukunft des Autos und mehr

"Das Auto von heute wird zum Nischenprodukt"

Diplom-Ingenieur Hannes Rose forscht für das Fraunhofer-Institut im Bereich „Urbane Mobilität“. In ElektroBIKE spricht Rose über die Rolle von E-Bikes, die Zukunft normaler Autos und erklärt, warum 2050 kaum jemand noch ein eigenes Fahrzeug besitzen wird.

ElekroBIKE: Herr Rose, wenn wir einen Blick in die Zukunft riskieren – fahren in deutschen Städten noch Autos?

UB Interview Hannes Rose
Benjamin Hahn

Hannes Rose: „Es gibt die Vision der EU, dass wir im Jahr 2050 in Innenstädten komplett emissionsfrei unterwegs sind. Wir würden es gerne noch etwas plakativer formulieren, nämlich dass wir 2050 rein elektrisch fahren. Ich denke, das ist durchaus realistisch. Wir haben für das Verkehrsministerium einen Fahrplan erstellt, in der wir aufgezeigt haben, wie wir dieses Ziel erreichen können.“

Das müssen Sie erklären: Wie sieht der Weg zur elektromobilen Stadt aus?

UB Interview Hannes Rose
Benjamin Hahn
E-Bike Hannes Rose Fraunhofer

„Speziell beim Thema Elektro-Fahrzeuge gehen wir davon aus, dass wir diese zuerst im Flotteneinsatz sehen werden, weil sie dort die höchste Auslastung haben. Das wäre der Schritt bis 2020. Richtung 2030 sehen wir eine deutlich stärkere Vernetzung der Verkehrsmittel. Erste Ansätze erkennen wir bereits heute mit mobilem Internet und den Smartphones, die mehr und mehr zum persönlichen Mobilitätsassistenten werden. Bis 2030 werden unterschiedliche Verkehrsträger so verbunden sein, dass man leicht vom Individualverkehrsmittel, das nicht mehr zwangsläufig einem selbst gehört, auf den öffentlichen Personenverkehr umsteigen kann. Der nächste Schritt, bis 2040, ist die geteilte Stadt. Das heißt, dass Fahrzeuge und Infrastruktur gemeinschaftlich genutzt werden, viel stärker, als es heute der Fall ist.“

Niemand wird mehr ein eigenes Fahrzeug besitzen?

UB Interview Hannes Rose
Benjamin Hahn
E-Bike Hannes Rose Fraunhofer

„Richtig, zumindest für Städte und Ballungsräume kann ich mir das gut vorstellen. Wir sprechen von Mobilität auf Nachfrage. Ich nutze Mobilität, anstatt Fahrzeuge zu besitzen.“

Dafür ist noch viel Anpassung und Veränderung nötig. Wie sieht die finale Vision aus, die elektromobile Stadt 2050?

UB Interview Hannes Rose
Benjamin Hahn
E-Bike Hannes Rose Fraunhofer

„Zu dem Zeitpunkt hat sich nach unseren Vorstellungen auch die städtische Infrastruktur angepasst, die sich langsamer entwickelt als beispielsweise Informations- und Kommunikations-Technologien. Anpassungsprozesse in diesem Bereich brauchen Zeit. Dann haben wir die Vision der elektromobilen Stadt erreicht.“

Verstehe ich Sie richtig: Wer 2050 in einer deutschen Innenstadt wohnt, fährt kein Auto mit Verbrennungsmotor mehr und besitzt auch kein eigenes Fahrzeug?

UB Interview Hannes Rose
Benjamin Hahn
E-Bike Hannes Rose Fraunhofer

„Genau. Und wenn Sie doch mal in Urlaub fahren wollen, dann greifen Sie flexibel auf Fahrzeuge zurück, zum Beispiel mit einer Brennstoffzelle, um weite Distanzen zurückzulegen.“

Heißt das, das Auto, wie wir es heute kennen, stirbt aus?

„Es gibt sicherlich Bereiche, in denen man auch zukünftig noch einen Verbrennungsmotor nutzt – dazu zählen die Sektoren, die dem Sicherheitsbereich zuzuordnen sind. Krankenwagen werden nach wie vor Technologien brauchen, die über lange Distanzen problemlos verfügbar sind. Das können Brennstoffzellen- aber auch Verbrennungsmotoren sein. Aber das wird die Ausnahme sein. Das Auto mit Verbrennungsmotor wird ein Nischenprodukt.“

Davon sind wir jetzt noch weit entfernt. Was muss geschehen, dass man das Ziel wirklich erreicht? Elektro-Autos sind heute noch nicht wirklich relevant am Markt. E-Bikes hingegen schon. Welche Rolle spielen die E-Räder?

„Ich glaube, eine ganz wichtige. Wir sehen drei Handlungsstränge, auf denen sich die Elektrifizierung entwickelt: zum einen der Einsatz der E-Fahrzeuge in Flotten, zum Beispiel als Nutzfahrzeug- und Car-Sharingflotten. Dazu kommen Innovationen im Premiumsegment, über das immer schon Neuerungen wie ABS und weitere Fahrerassistenzsysteme eingeführt wurden. Diese Technologien werden in die tieferen Fahrzeugklassen vererbt. Die dritte ganz wichtige Säule ist der Basis-Ansatz, wo wir die E-Bikes und Pedelecs sehen. Man sieht an den Verkaufszahlen der Räder in Deutschland und europaweit, dass dies ein ganz wichtiger Bereich ist, über den sich der Elektro-Antrieb entwickelt.“

Haben Sie eine Erklärung für den riesigen E-Bike-Boom in Deutschland?

„Zum einen ist ein E-Bike ein Elektro-Fahrzeug, das erschwinglich ist. Elektro-Autos liegen immer noch in einem Bereich von 30 000 bis 40 000 Euro. Außerdem ist die E-Bike-Technologie so weit, dass den Nutzern Elektro-Räder zur Verfügung stehen, die wirklich Spaß machen und qualitativ hochwertig sind. Letztendlich hat sich auch ein Imagewandel vollzogen – E-Bikes sind ‚in‘.“

Wird es in Zukunft noch ganz normale Fahrräder geben?

„Ich bin leidenschaftlicher Rennradfahrer und liebe das Radfahren auch als Sport. Daher denke ich, dass es diesen Bereich weiter geben wird. Das Spannende an E-Bikes ist, dass die Reichweite immer weiter steigt. Plötzlich sind zum Beispiel ausgedehnte Touren möglich. Auch für die ältere, aber noch fitte Generation ist das E-Bike eine sehr interessante Option, weiter sportlich mobil zu bleiben.“

Bei der großen Bedeutung, die auch Sie den E-Bikes zuschreiben, ist es doch verwunderlich, dass die Bundesregierung in ihrem Regierungsprogramm Elektromobilität sich fast ausschließlich auf Elektro-Autos fokussiert?

„Sicherlich wäre es wünschenswert, auch dem E-Bike dort mehr Bedeutung zuzumessen, jedoch kann man aber nur einen Teilbereich der Mobilität mit E-Bikes abdecken. Außerdem handelt es sich um eine Technologie, die schon jetzt einen Reifegrad erreicht hat, bei dem man von Serienproduktion sprechen kann. Ganz im Gegensatz zu E-Autos. Dort ist deutlich mehr Unterstützung notwendig.“

Dies geschah bislang vor allem in den „Modellregionen für Elektromobilität“. Was versteckt sich hinter dem Begriff?

„Die Modellregionen sind acht ausgewählte Regionen in Deutschland, in denen Elektromobilität gezielt gefördert wird. In den vergangenen Jahren gab es diese Unterstützung in den Modellregionen für Elektromobilität vor allem dadurch, dass der Fahrzeugaufbau und verstärkt die Technologieentwicklung gefördert wurden. Jetzt schließen sich die sogenannten Schaufenster Elektromobilität (in den Regionen Baden-Württemberg, Berlin/Brandenburg, Niedersachsen, Bayern/Sachsen, Anm. d. Red.) an, sie stellen die Phase der Marktvorbereitung dar, das heißt, jetzt werden Geschäftsmodelle erprobt, Bertreiberkonzepte entwickelt.“

Was sind die Hauptmerkmale der urbanen Mobilität der Zukunft?

„Mobilität wird generell weniger fahrzeug- und verkehrsmittelfokussiert, sondern nutzerfokussiert sein. Das kann man sehr gut am Individualverkehr ablesen. Die Perspektive aus der Vergangenheit bis heute war die, dass das Fahrzeug der Mittelpunkt ist. Das Fahrzeug besitze ich, im Fahrzeug bin ich vernetzt. Auf der anderen Seite gab es und gibt es den öffentlichen Verkehr – allerdings als getrenntes System. Die Entwicklung wird dahin gehen, dass Mobilität durch die neuen Kommunikationskanäle sehr viel nutzerorientierter gestaltet wird, das heißt, mein Smartphone dient als persönlicher Mobilitätsassistent, der mir zu verschiedensten Verkehrsmitteln Zugang verschafft und es mir tatsächlich ermöglicht, intermodale Reiseketten wahrzunehmen, also verschiedene Verkehrsmittel zu vernetzen. Das Angebot reicht beim Individualverkehr von Carsharing-Systemen wie car2go über Pedelecs, zum Beispiel das call-a-ebike-System.“

Klingt nach einer schönen neuen Welt, aber die Vernetzung der Systeme ist nur eine Seite: Wie soll zum Beispiel die Abrechnung der Fahrten erfolgen?

„Um Zugang, Navigation und Abrechnung muss sich der Nutzer nicht mehr kümmern. Das funktioniert teilweise sogar heute schon. Allerdings besteht noch das Problem, dass ich jedes Verkehrsmittel einzeln auffinden, reservieren, bezahlen muss. Die informationstechnische Vernetzung des Gesamtablaufs wird zunehmen und muss besser werden, um die nötige Akzeptanz zu erzeugen.“

Wer ist hinter solchen Projekten die treibende Kraft?

„Technologisch ist es die Informations- und Kommunikationstechnologie, die die Vernetzung ermöglicht. Am Markt muss auch die Rolle des Mobilitätsanbieters besetzt werden. Es bleibt spannend zu beobachten, wer sich hier positionieren wird. Sind es Fahrzeughersteller, die sich einen Schritt weiter bewegen und nicht mehr nur Fahrzeuge verkaufen, sondern auch Mobilität? Das kann auch die Bahn sein, die schon jetzt Fahrzeuge, Autos und Fahrräder anbietet. Auch Energieversorger könnten in diese Rolle schlüpfen.“

Bei all den schönen Ideen: Was passiert, wenn viele lieber mit dem eigenen, liebgewonnen Auto unterwegs sein möchten?

„Sicherlich hängen viele, gerade von uns Deutschen, an ihren Autos. Aber es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass gerade in der jüngeren Generation die Bedeutung des Fahrzeugs als Statussymbol deutlich abnimmt, wohingegen die Nutzung von flexiblen Sharing-Angeboten stark steigt. Zwischen den beiden Faktoren besteht ein starker Zusammenhang. Man kann sagen, dass sich das Verhältnis vom Nutzer zum Fahrzeug zunehmend rationalisiert.“

Kann man die neuen Formen der Mobilität, zum Beispiel auch E-Bikes, durch Förderprogramme noch attraktiver gestalten?

„Ich bin kein großer Freund von Kaufanreizen, die es in vielen Ländern gibt. Anfangs mag das helfen und attraktiv wirken, aber wenn wir die Parallele zur Abwrackprämie bemühen möchten, dann verpufft der Effekt recht schnell. Unserer Meinung nach bringt es mehr, die Technologie-Entwicklung zu fördern, was letztendlich die Preise senken wird und somit die Attraktivität nachhaltig steigert.“

Herr Rose, zum Abschluss eine private Frage: Mit welchem Verkehrsmittel werden Sie 2050 unterwegs sein?

„Ich denke mit sehr viel mehr unterschiedlichen Fahrzeugkonzepten als heute. Heute habe ich mein Fahrrad, mein Auto und fahre auch ab und zu mal mit der Bahn. Im Jahr 2050 werde ich vielleicht ein Elektro-Fahrrad besitzen und wahrscheinlich über ein Mobilitätsguthaben verfügen, mit dem ich flexibel auf das Verkehrsmittel zurückgreifen kann, das ich gerade brauche.“

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