Interview mit Ex-Porsche-Boss Wendelin Wiedeking

Warum sind E-Autos eigentlich nicht erfolgreich, Herr Wiedeking?

Wendelin Wiedeking Interview ElektroBIKE
Foto: ZEG
Es war länger still um Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Nach seinem Aus beim Stuttgart Sportwagen-Hersteller spricht Wiedeking exklusiv in ElektroBIKE Klartext - über die Probleme der E-Autos, die Herausforderungen an die Politik und den Erfolg der E-Bikes.

Wendelin Wiedeking engagiert sich als Vorsitzender des Qualitätsrats der Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft (ZEG), der sich unter anderem dafür einsetzt, das Fahrrad als Motor alternativer Mobilität in Deutschland zu positionieren.

Im Interview mit ElektroBIKE bezieht der Auto-Profi Stellung: Warum funktioniert das Produkt E-Auto in Deutschland nicht? Was kann die Politik bewirken? Und wie ernst meinen es eigentlich die Autohersteller mit Ihren E-Bike-Versuchen?

Herr Dr. Wiedeking, warum kommen Elektro-Autos in Deutschland nicht in Fahrt?
Dr. Wendelin Wiedeking: "Weil sie als Produkt vom Publikum nicht angenommen werden und damit nicht wettbewerbsfähig sind. Erst wenn sie dem Verbraucher das Leben erleichtern und die Kosten stimmen, werden sie sich durchsetzen. Das alles trifft momentan auf E-Autos nicht zu. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht - technologisch nicht und auf politischer Seite auch nicht."

Woran mangelt es genau?
"Es fehlt an der Infrastruktur, die Reichweite stimmt nicht, die Ladezeiten sind zu lang, und obendrein sind die Autos für den Normalkunden zu teuer. Warum also soll er sich ein E-Auto kaufen? Da helfen auch Verkaufsprämien nicht, das zeigen die momentanen minimalen Verkaufszahlen und der geringe Marktanteil. Und diskutierte Zwangsmaßnahmen wie das Zulassungsverbot für Benzin- und Dieselfahrzeuge ab 2030 sind auch nicht zielführend. Nur weil Müsli gesund ist, kommt kein ernstzunehmender Politiker auf die Idee, ab 2030 ein Fleischverbot zu fordern."

Gelingt dem Elektro-Auto in Deutschland noch der Durchbruch?
"Die Unternehmen tun viel dafür. Die Schlüsseltechnologie aber ist die Batterietechnik, in der Asien allein führend ist. Erst wenn es gelingt, da entscheidende Fortschritte zu erzielen, wird das E-Auto sich durchsetzen. Wenn der Staat eingreifen will, dann kann er es auf diesem Gebiet, indem er hier Forschung und Entwicklung fördert und zudem die entsprechende Infrastruktur schafft.

Wichtig im Vergleich zu Autos mit Verbrennungsmotoren ist aber auch die Glaubwürdigkeit in der Gesamtenergiebilanz. Darüber wird weniger gesprochen. Wie viel Energie wird wirklich aufgewendet, um Batterien und Autos herzustellen und zu entsorgen? Wird nur erneuerbare Energie für die Produktion und das Fahren verwendet? Derartige Fragen müssen ehrlich beantwortet werden. Und da sind momentan doch Zweifel angemeldet."

Wo haben Sie die größten Zweifel?
"Nehmen wir mal das Beispiel Norwegen: Das Land wird für eine fortschrittliche Umweltpolitik und die Förderung der E-Mobility als Beispiel hingestellt und gelobt. Aufgrund großzügiger staatlicher Förderung fahren dort pro Kopf der Bevölkerung weltweit die meisten E-Autos. 17 Prozent der Neuzulassungen sind Elektromobile. Erkauft wird das mit Subventionen und Steuerbegünstigungen, die zu einem Jahres-Defizit von rund 230 Millionen Euro im Haushalt führten. Finanziert wird alles aus dem norwegischen Export von Erdöl – mögen doch andere ihre Luft verschmutzen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Energiebilanz für die Herstellung der ausschließlich importierten Autos ausschließlich im Ausland liegt: Das ist doch heuchlerisch und das kann nicht der richtige Weg sein."

E-Bikes hingegen sind so populär wie nie: Sind sie vielleicht ein Grund dafür, dass sich die Begeisterung für E-Autos in engen Grenzen hält?
"Diesen Wettbewerb sehe ich nicht. Die E-Bikes haben ihre eigenständige Daseinsberechtigung und erobern sich mehr und mehr Terrain – weil sie eben genau den Bedürfnissen der Kunden entsprechen, ob nun im innerstädtischen Bereich oder in der Freizeit. Sie spielen eine zunehmend wichtigere Rolle im Mobilitätsmix."

Immer wieder sieht man von Automobil-Konzernen E-Bike-Konzeptstudien (zum Beispiel Audi und VW), smart hat ein Serien-E-Bike entwickelt - allerdings ohne Erfolg. Wann steigt der erste Automobil-Konzern ernsthaft in das Zweirad-Geschäft ein?
"Das kann ich nicht sagen, ein Blick in die Glaskugel hilft da auch nicht. Meine Lebenserfahrung ist: Die Schuster, die bei ihren Leisten bleiben, sind die besten."

Das Interview mit Wendelin Wiedeking wurde per E-Mail geführt.

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Autor: Björn Gerteis
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