Bosch E-Bike-Boss Rainer Jeske im Interview

"Mobilität wird in Zukunft anders aussehen"

Bosch E-Bike Rainer Jeske
Foto: Jens Vögele
Rainer Jeske leitete bis Ende Juni 2012 bei Bosch die E-Bike-Abteilung. Im Interview mit ElektroBIKE im Jahr 2011 spricht der Physiker über den Wandel urbaner Mobilität, neues familiäres Freizeitverhalten und darüber, wie einfach es ist, Menschen vom E-Bike zu überzeugen.

ElektroBIKE: Herr Jeske, durch Ihr Hobby als E-Gitarrist beschäftigen Sie sich fast schon ein Leben lang mit Strom. Jetzt befassen Sie sich beruflich als Chef der E-Bike-Sparte von Bosch mit elektrischen Fahrrädern. Passt das zusammen?

Rainer Jeske: E-Gitarre und E-Bike teilen sich im Titel das „E“, gehören auf die Art irgendwie zusammen – und beides macht sehr viel Spaß. Ich interessiere mich immer schon für Elektrifizierung. Ich habe früher Verstärker für elektrische Gitarren gebaut. Das ist auf jeden Fall eine Affinität, die sich übertragen lässt.

Kam das Thema E-Bike für Sie überraschend?

Nicht ganz. Ich war in der Zentrale bei Bosch für Automotive-Trends zuständig und habe die Märkte auf der ganzen Welt mit dem Fokus auf neue Mobilitätskonzepte analysiert. Bei Bosch ist es so, dass wir uns mit langfristigen Trends befassen.

Welche Richtung nimmt Mobilität, wo geht die Reise hin?

Alle Themen, die im weitesten Sinne mit Mobilität zu tun haben, schauen wir uns sehr intensiv an. So sind wir auf das Thema E-Bike gestoßen und haben dazu für Bosch ein Konzept erarbeitet. Doch bis es zur Umsetzung kam, war es noch ein mächtiger Schritt.

Wie sah dieser Schritt aus?

Für uns ist die Fahrradbranche ein ganz neuer Markt. Wir müssen uns auf neue Kunden und auf ein komplett neues Umfeld einstellen. Das war zu Beginn das Haupthindernis. Wir haben uns viele Fragen gestellt: Wie kommen wir an den Markt ran? Wie läuft das Geschäft im Radmarkt? Die Kunst lag darin, die Kompetenzen, die wir haben, zu bündeln. Aber wir haben auch Know-how einkaufen müssen und bewusst erfahrene Mitarbeiter aus der Bike-Branche eingestellt.

 

Bosch E-Bike Rainer Jeske
Foto: Jens Vögele Rainer Jeske, ehemaliger Bosch E-Bike-Boss, sieht Synergien zwischen dem Auto und dem E-Bike.

Wen mussten Sie im Konzern von der E-Bike- Idee überzeugen, und wie gelang Ihnen das?

Die Überzeugungsarbeit war sehr spannend, aber da gab es zum Glück probate Hilfsmittel. Wir mussten den Bosch-Vorstand von unserem Vorhaben überzeugen. Unser Plan war, alle Mitglieder der Führungsetage aufs E-Bike zu setzen und mit ihnen eine Probefahrt zu machen. So haben wir es unter anderem mit dem Vorstandsvorsitzenden Professor Hermann Scholl gemacht. Wir sind bei Reutlingen mit ihm über Wald und Wiesen gefahren. Berg runter, Berg hoch. Das hat gewirkt. Mit seinen über 70 Jahren zog er an Mountainbikern mit einem Lächeln vorbei. Danach lief das E-Bike-Projekt relativ schnell an.

"E-Bike ist für Bosch kein Mitnahmegeschäft. Für uns ist es ein strategisch wichtiges Betätigungsfeld."

E-Bike und Bosch – welche Ziele haben Sie?

E-Bike ist für Bosch kein Mitnahmegeschäft. Für uns ist es ein strategisch wichtiges Betätigungsfeld. Das Thema Mobilität wird sich in Zukunft nicht mehr nur auf die vier Räder beschränken. Mobilität wird breit gefasst sein. Hier in Europa erleben wir gerade den Boom der Pedelces, Fahrräder, die uns beim Pedalieren mit einem Motor unterstützen. In China sehen Sie auf den Straßen unzählige E-Scooter, elektrische Motorroller. Das ist nur der Anfang. Wir als Zulieferer sind in allen Bereichen involviert. Daher ist es wichtig, dass wir Trends mitgehen.

An welche Trends denken Sie?

Wir sind in China schon bei den E-Scootern aktiv. Es geht aber noch weiter. Wir werden in diesem Bereich weitere technische Lösungen anbieten. Wir haben jetzt schon einiges auf der Pfanne. Dabei dreht es sich vor allem um Themen, die man aus dem Automotive-Bereich übertragen kann. Denken Sie nur daran, wie viele unterschiedliche Displays, Navigationssysteme und Fahrhilfen es in den aktuellen Autos gibt. Die Bandbreite wird in Zukunft noch größer werden.

"Wenn man mal ganz weit denkt, dann wird E-Bike schlussendlich Fahrrad heißen. Fahrrad ist gleich E-Bike."

Wir reden gerade über die Zukunft – wie wird sich urbane Mobilität verändern?

Ich denke da in zwei Richtungen. Zum einen sehe ich Synergien zwischen dem Auto und dem E-Bike. Es wird so sein, dass ich mit meinem Auto in die Stadt hineinfahre. Entweder liegt im Kofferraum mein eigenes Falt-E-Bike, oder ich lease eines vor Ort. Mobilität wird in Zukunft anders aussehen. Und das E-Bike wird eine besondere Rolle darin spielen. Zum anderen wird das E-Bike, so wie es jetzt aktuell ist, sich verändern. Das E-Bike wird zur Fahrzeugklasse werden. Wenn man mal ganz weit denkt, dann wird E-Bike schlussendlich Fahrrad heißen. Fahrrad ist gleich E-Bike.

Zusammenfassend, wie sieht das Mobilitätskonzept der Zukunft aus?

In zehn oder mehr Jahren läuft es so, dass ich völlige Flexibilität besitze. Es wird andere Konzepte geben. Zum einen, das eben erwähnte Leasingmodell. Zum anderen aber auch eine „pay to use“- Variante – ich zahle einen Betrag, der sich nach dem Gebrauch und Verbrauch richtet. Ich werde mir sicher auch mit meinem Smartphone verschiedene Fahrkonzepte für die Verbindung von A nach B anzeigen lassen können. Je nachdem, wie ich mich fortbewegen möchte.

Wird es das Auto noch geben?

Mit Sicherheit. Wenn ich zum Beispiel in Urlaub fahren möchte, dann brauche ich Möglichkeiten, Familie und Gepäck zu transportieren. Für lange Distanzen brauchen wir weiterhin das Auto, für kurze Distanzen werden sich aber andere Lösungen durchsetzen. Davon bin ich überzeugt.

Muss der Antrieb des Autos sich verändern?

Es wird ganz klar in Richtung Elektrifizierung gehen müssen, weil wir die jetzigen fossilen Ressourcen nicht mehr in diesen Mengen wie heute zur Verfügung haben. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir in puncto Mobilität mehrere Technologien anbieten müssen. Eine davon ist das E-Bike.

Welchen Anteil am Fahrradmarkt werden E-Bikes perspektivisch einnehmen?

Ich ziehe mal einen Vergleich zu Holland. Da ist die E-Bike-Quote schon wesentlich höher als in Deutschland. Ich denke schon, dass 10 Prozent aller Räder mittelfristig E-Bikes sein werden. Und wir wollen darin einen Marktanteil von 20 Prozent oder mehr erreichen.

Muss E-Bike fahren einfach sein?

Ich denke schon. Das Thema intuitive Bedienung ist mir wichtig. Man muss aufsteigen und sich wohlfühlen. In ein Auto muss ich mich setzen und losfahren können. So soll es mit einem E-Bike auch sein: Einfache Bedienung, eine gute Haptik, Attraktivität, stylisches Design. So stelle ich mir ein gutes E-Bike vor.

Was macht E-Biken so faszinierend?

Für mich war das erste Mal auf einem elektrischen Fahrrad auch ein Erlebnis. Denn lange war das Wort E-Bike für mich nur eine Worthülse. Erst wenn man selbst fährt, kommt man auf den Geschmack. Und wer erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, entdeckt plötzlich unglaubliche Möglichkeiten. Man fährt auf einmal Touren, die vorher undenkbar gewesen wären. Mittlerweile fährt sogar meine Frau mit mir und meinem Sohn Rad. Das war vorher nicht so. So ist ein ganz anderes Familienleben möglich. Da kommen neben dem Radfahren an sich ganz neue, andere Elemente zum Tragen. E-Biken ist schon jetzt eine Riesenbewegung. Es gibt den Menschen die Möglichkeit, wieder gemeinsame Aktivitäten zu unternehmen, egal wie alt oder wie fit sie sind.

"Der erste Schritt war, die Energie ans Fahrrad zu bringen. Jetzt gibt es quasi keine Grenzen mehr."

Gibt es Möglichkeiten, mit denen man E-Biken noch interessanter machen kann?

Vielleicht kommt ja irgendwann wie beim Auto eine Cruise Control, eine Möglichkeit, den Abstand zum Fahrer vor einem gleichzuhalten. Es gibt ganz spannende, tolle Dinge, die man aus dem Automobilbereich übertragen kann. Der erste Schritt war, die Energie ans Fahrrad zu bringen. Jetzt gibt es quasi keine Grenzen mehr. Ein Fahrrad mit Antiblockiersystem – warum nicht? Mal sehen, was die Zukunft bringt. Ideen haben wir auf jeden Fall genug.

Manche Hersteller sind dabei, das iPhone als Steuerungseinheit zu integrieren. Planen Sie bei Bosch ähnliches?

Wir werden auf jeden Fall im Steuerungs- und im Anzeigebereich in der Zukunft etwas völlig Neues präsentieren. Sie wissen sicher, dass Bosch Car Multimedia und Apple gemeinsam Apps (kleine Programme für das iPhone, Anmerkung der Redaktion) im Bereich Navigation entwickelt haben, um nur ein Beispiel zu nennen. Da passiert eine Menge. Social Networking, das Bilden von und Leben in sozialen Netzwerken, ist eines der Schwerpunktthemen, die überall in sind. Wir werden in diesem Bereich Lösungen anbieten, die sich dann beim E-Bike wiederfinden werden.

In welche Richtung soll das gehen?

Wir werden mit Sicherheit Anzeigesysteme an den Markt bringen, die mehr bedarfsgerechte Informationen bieten. Nicht nur einseitig, sondern bilateral. Social Networks, also soziale Netzwerke wie zum Beispiel Facebook, sind wesentliche Bestandteile des Internets der heutigen Zeit. Das heißt, dass das E-Bike als Schnittstelle zu meinem sozialen Netzwerk dienen wird. Da gibt es schon jetzt ganz tolle Ideen.

Diese Ideen sollen auch umgesetzt werden?

Ja sicher. Wann, kann ich Ihnen aber leider nicht sagen. Ich möchte das Paket zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht auspacken.

"Sie brauchen gar keine Riesenreichweiten. Ich gehe ja auch nicht in ein Autogeschäft und sage: 'Guten Tag, ich hätte gerne ein Auto mit einem möglichst großen Tank'."

Wie kann man den Leuten die Angst nehmen mit dem E-Bike plötzlich ohne Energie dazustehen? Stichwort Reichweite ...

Das ist ja immer die erste Frage: Wie weit komme ich mit einem E-Bike? Wie lange reicht der Akku? Ich kann es nachvollziehen, dass das die Menschen besorgt. Aber sie müssen sich mal die durchschnittlichen Fahrprofile der Deutschen anschauen. Viele fahren nur zehn bis zwölf Kilometer in die Stadt rein. Sie brauchen gar keine Riesenreichweiten. Ich gehe ja auch nicht in ein Autogeschäft und sage: „Guten Tag, ich hätte gerne ein Auto mit einem möglichst großen Tank“. Verbrauch ist ein wichtiges Kriterium. Daher müsste man mehr zu einer Verbrauchsangabe beim Rad kommen. Das ist allerdings schwierig, weil die Lastenverhältnisse im Vergleich zum Auto ganz andere sind. Unter dem Strich ist nicht der Energieinhalt des Akkus wichtig, sondern ein effizienter Umgang mit der Energie. Dieser Trend zu immer größeren und fetteren Akkus muss enden. Ich wünsche mir eine Aufschrift auf dem Akku wie „Akku-Energie – genügend!“

Was war bislang Ihr persönlich schönstes Erlebnis mit einem E-Bike?

Bis zu meinem Haus muss ich rund 400 Höhenmeter überwinden. Da gucke ich immer hoch und denke: Packst du das noch? Mit der Unterstützung des E-Bike-Antriebs schaffe ich es, aber ich muss mich dabei immer noch selbst bewegen. Das sind so Erlebnisse, bei denen ich mich wieder richtig jung fühle. Ich fahre zum Beispiel jetzt auch wieder mit dem Rad von zu Hause an den Bodensee runter. Das würde ich ohne Elektroantrieb nicht mehr machen. In den 70er-Jahren wurde ich auf Sardinien und Korsika als einer der ersten Mountainbike-Fahrer bestaunt und fotografiert. Jetzt kommen wieder so Gefühle auf. Ich fühle mich wieder jung. Das tut schon gut.

Das klingt alles so positiv, als ob die Prognosen für das normale Fahrrad wohl eher bescheiden aussehen. Ist der gute alte Drahtesel von heute bald ein Sammlerstück?

Vielleicht kommt es so wie bei der E-Gitarre. Meine alte Gibson aus den 70er-Jahren steigt stetig im Preis. Durchaus möglich, dass es bei den dass es bei den alten Fahrrädern genauso passieren wird.

 

Bosch E-Bike Rainer Jeske
Foto: Jens Vögele Rainer Jeke (rechts) im Gespräch mit ElektroBIKE-Redakteur Björn Gerteis.

Zur Preson: Das ist Rainer Jeske

NAME Rainer Jeske
POSITION Senior Vice President Bosch eBike-Systems bis Juni 2012
KARRIERE Raier Jeske hatte zuvor verschiedene internationale Ingenieur-, Vertriebs- und leitende Positionen bei der Robert Bosch GmbH in Deutschland inne. In seiner letzten Position war er in der Bosch-Zentrale in Stuttgart für internationales Automobilmarketing und Vertrieb sowie Trendscouting verantwortlich.
STUDIUM Physik, Universität Tübingen
HOBBY Musik, E-Gitarre

08.07.2015
Autor: Björn Gerteis
© ElektroBIKE online